Gastblog: Wir sind wieder wer!
Mein persönlicher Gastblogger hat sich im jährliches Turnus den ehemaligen “Grand Prix Eurovision de la Chanson” aka Eurovision Song Contest vorgenommen. Seine bekanntenmaßen schonungslose Sichtweise der Dinge gibt es nun:
Gute Nachrichten: Deutschland wird gemocht – in ganz Europa.
Fast alle Länder haben uns beim 55. Eurovision-Song-Contest Punkte gegeben – die meisten sogar hohe bis höchste Punktzahlen. Was für eine Sensation – allerdings nur für uns Deutsche. Was wir nämlich seit Jahren nicht wahrhaben wollten: Die Abneigung gegen „die Deutschen“ gibt es seit langem nur noch in normalem Umfang. Mit normal ist hier gemeint, dass ja auch viele Deutsche Ressentiments gegen „die Engländer“, „die Niederländer“ oder „die Polen“ haben um nur ein paar Beispiele zu nennen. Warum sollte das nicht umgekehrt gelten? Die meisten Europäer wissen seit langem, dass die spätestens nach 1935 geborenen Deutschen aus Altersgründen keine Schuld am Krieg haben können (selbst im sog. Ostblock). Auch die Erbsünde – d. h. die postculpation, das Übertragen der Schuld auf kommende Generationen – spielt nur noch in der katholischen Kirche eine Rolle. Deutschland ist in Europa – trotz aller normalen zwischenstaatlichen Streitigkeiten in einzelnen Sachfragen wie sie in jedem Land üblich sind – angekommen und akzeptiert.
Trotzdem herrschen leider oft tiefe Minderwertigkeitskomplexe bei vielen Deutschen vor. Ich glaube nicht, dass die nun behoben sind weil die Punkte hier und dort nicht nur an „lovely Lena“, sondern auch an „our friends in germany“ vergeben wurden. Denn auch weiterhin wird manch Deutscher – wenn er im Ausland mal „schief angesehen wird“ denken, die hassen mich weil ich Deutscher bin. Die geben mir die Schuld am Krieg, heul. Warum lieben die uns denn nicht etc. Dabei verkennen sie, dass auch Engländer, Russen, und durchaus auch mal der eine oder andere Schwede im Ausland „schief angesehen wird“. Das hat halt meistens individuelle Gründe. Und ein starkes Argument war ja auch immer: Deutschland wird nicht gewinnen, weil man uns nicht mag (was mitschwingt: wegen des Krieges). Dabei hatte man uns ja sogar schon 1982 gewählt. Die Komplexe blieben. Das wird auch diesmal so bleiben, denn die Deutschen lieben ihren Minderwertigkeitskomplex. Und das ist vielleicht auch gut so, weil das bei manchen sonst ins Gegenteil umschlägt.
Meine Hoffnung beruht trotzdem auf den jungen Generationen, die sich als nicht mehr aber auch nicht weniger geliebtes Staatsvolk eines Landes fühlt. Mit allen Stärken und Schwächen.
Fast nur gute Beiträge von allen Ländern in diesem Jahr. Vor allem wenig Einheitsbrei (z. B. Mädchenband mit einer banalen Ethno-Pop-Nummer und Wechselkleidern). Man ist mutig und kreativ (ohne albern und übermäßig trashig zu sein). Nachbarpunkte oder Punkte der jeweiligen Diaspora werden zwar noch immer vergeben, aber die verteilen sich ja auch wieder auf viele, so dass dies für die Top 5 keine Rolle spielt (und noch nie gespielt hat). Sicher, da wird schon mal ein Lied, das eigentlich auf Platz 17 gelandet wäre, auf Platz 9 gepusht, oder von 25 auf 17. Dieser Vorteil wird auch von dem Mitgliederstärksten Land genutzt. Die Deutschen nämlich stimmen auch aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden oder Dänemark ab, wenn man grenznah wohnt und zur Abstimmung per Handy schnell rüber fährt. Auch die jeweiligen Urlauber (z. B. Spanien) rufen dann ja für Deutschland an und verzerren das Bild. Darüber hat sich aber noch nie ein Deutscher beschwert! Gemacht wird das natürlich nur, wenn man den eigenen Beitrag richtig gut findet – wie z. B. bei Max Mutzke oder damals bei Guildo Horn (und selbst Stefan Raab hatte davon profitiert). Bei Oscar Swings und Alex Sings hat das natürlich keiner gemacht, weil das Lied doof war. Und Lena hatte dies andererseits gar nicht nötig.
Letztlich heißt das: Es gewinnt immer das beste Lied, denn nur dann rufen die Leute auch an. Alles dahinter ist halt unbedeutend und es ergeben sich merkwürdige Reihenfolgen. Das liegt daran, dass man viele Lieder zwar gut findet, aber nicht so hammermäßig, dass man dafür anruft. Hinterher wundert man sich darüber, warum diese Lieder weiter hinten landen. Man kann dies zwar bedauern, aber man kann ja trotzdem den Wettbewerb und die Beiträge genießen. Sogar das gute Abschneiden von Rumänien kann man sich erklären. Es war mit Abstand – sogar vor dem ironischen russischen Beitrag) der schlechteste Beitrag. Und hier haben viele taktisch abgestimmt (sicher sogar einige Jury-Mitglieder). Damit man nicht Gefahr läuft, einem Konkurrenten des eigenen Landes Stimmen zu geben, nimmt man einfach den, den man (außerhalb der Länder die oft Nachbarschaftspunkte erhalten) am furchtbarsten findet. Und das war in diesem Jahr Rumänien.
Denn Rumänien gehört zwar zum Ostblock, profitiert aber nicht davon (was wieder ein Beispiel dafür ist, dass die Ostländer alle grundsätzlich profitieren). In den letzten 10 Jahren ist Rumänien nämlich nur einmal Dritter, einmal Vierter, einmal Neunter und einmal Zehnter geworden. Also ich finde für ein Land, das zur Ostblock-Connection gehört, ist der Erfolg dann doch nicht so riesig, wie es hier immer behauptet wird. Die Rumänen finden ihren eigenen Beitrag sicher auch meistens toll – wie es halt in jedem Land ist. Und dort wird wohl auch immer gejammert: Keiner mag uns, wieso finden die denn unser Lied nicht alle supi? Das deutsche Lamentieren findet sicher in vielen Ländern statt. Diesmal profitierte man halt – vielleicht erneut – von den eigenen (schlechtesten) Teilnehmern im Finale. Statistisch gesehen kann man übrigens nur alle 40 Jahre gewinnen. Müssen wir also bis 2050 warten?
Ich bin sicher, dass Deutschland – mit einem tollen Beitrag – das auch vorher schafft. Und wenn alle Stricke reißen stellt man halt den schlechtesten Künstler mit dem schlechtesten Lied auf die Bühne und gibt den Rumänen. Dieser Trick funktioniert allerdings nur für UK, Spanien, Frankreich und für uns, denn alle anderen würden schon im Halbfinale rausfliegen.



